Bericht von H.-U. Kaether über die Veranstaltungsreihe der DIG Hildesheim '150 Jahre italienische Einheit'
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Mit einer Serie von Veranstaltungen erinnerte die Deutsch-Italienische Gesellschaft Hildesheim in der zweiten Novemberhälfte 2011 an die Staatsgründung Italiens vor 150 Jahren, um bei den Mitgliedern und in der Öffentlichkeit zu einem vertieften Verständnis von Geschichte und Gegenwart Italiens beizutragen.
Den Auftakt bildete die Poster-Ausstellung „Italien in Bewegung“ in der Halle des Hildesheimer Rathauses. Angeregt durch Com.It.Es, das Comitato degli Italiani all’ Estero mit Sitz in Hannover, das die Interessen der Italiener im Ausland vertritt, hatte Luisa Conti, die Dozentin für Kulturgeschichte Italiens im Fachgebiet Interkulturelle Kommunikation der Universität Jena mit ihren Studenten eine sehr inhaltsreiche Posterschau erarbeitet, in der fünf sehr unterschiedliche Epochen der italienischen Entwicklung der letzten 150 Jahre unter den Aspekten Wirtschaft, Politik und Alltagsleben ausgebreitet wurden. Ein ganz besonderer Schwerpunkt lag auf dem Thema Migration in diesen fünf verschiedenen Zeitabschnitten, denn die Auswanderung aus Italien, in nordeuropäische Länder, nach USA und vor allem nach Südamerika hat auf die Entwicklung Italiens einen großen Einfluss gehabt. Außerdem hat es eine sehr große Binnenwanderung gegeben, von Süden nach Norden, teilweise auch vom Nordosten in den Nordwesten. Allein in den 25 Jahren von 1955 bis 1970 wechselten etwa 25 Millionen Italiener ihren Wohnsitz. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten hat sich der Trend gedreht: heute muss Italien als Einwanderungsland betrachtet werden. Wobei in den letzten Jahren mehr Einwanderer aus Osteuropa als aus Nordafrika gekommen sind. Heute sind ca. 10 % der Beschäftigten Migranten. Die Folgen auf Wirtschaft, Politik und Alltagsleben sind unübersehbar und haben zu bis heute nicht gelösten Problemen geführt.
Ergänzend zu der Poster-Schau wurde eine Broschüre präsentiert: 1861 > 2011 >> 150° anniversario Unità d’Italia „Italien in Bewegung“, deren Lektüre auch den Kennern der Geschichte Italiens viele neue Einblicke ermöglicht. Daher möchte man dieser Broschüre auch eine weite Verbreitung wünschen (Kontakt: luisa.conti(at)uni-jena.de).
Hildesheims Oberbürgermeister Machens würdigte in seinem Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung den Anteil der italienischen Mitbürger Hildesheims am öffentlichen Leben und die gelungene Integration in die Gesellschaft. Gianpaolo Ceprini, Generalkonsul in Hannover, verwies auf die vielen Schwierigkeiten, die Italien seit der Gründung des Einheitsstaates schon habe überwinden müssen, und schöpfte daraus die Zuversicht, auch die derzeitigen Probleme überwinden zu können.
Dass auch durch die Deutsch-Italienische Gesellschaft ein Beitrag zu Verständnis und Integration geleistet wird, konnten die Besucher der Ausstellung durch die ergänzenden Poster feststellen, auf denen die wichtigsten Aktionen und Veranstaltungen der Gesellschaft in den 20 Jahren ihres Bestehens dokumentiert waren. Viele interessante Begegnungen mit Italienern, aufschlussreiche Vorträge, Benefiz-Diners und Kochkurse hat es gegeben, und nicht zu vergessen die gemeinsamen Unternehmungen mit der Partnerstadt Pavia und die Exkursionen des Hildesheimer Ornithologischen Vereins in die Naturreservate der Abruzzen.
Folgerichtig stand die zweite Woche der Veranstaltungsreihe mehr unter dem Motto „Italienische Lebensart“. Es war gelungen, zwei Meisterköche aus der „Patria dei Cuochi“, der Heimat der Köche, nämlich aus Villa Santa Maria in der Region Abruzzen nach Hildesheim zu holen. In den beiden bekannten Hildesheimer Restaurants „Alte Münze“ und „La Gondola“ fanden für jeweils etwa 50 Teilnehmer zwei Gala-Menüs statt, die als Benefiz-Veranstaltungen zu Gunsten der Erdbebenopfer in den Abruzzen von 2009 dienten. Die beiden Restaurantbesitzer Mario und Minuccio mit ihren jeweiligen Teams hatten ihre Küchen für Rocco Di Nucci und Valentino Di Renzo geöffnet, und diesen beiden Meistern gelang es, abruzzesische Köstlichkeiten auf die Teller zu bringen, zur Freude aller Teilnehmer an diesen beiden Abenden. Natürlich durfte auch der Wein aus den Abruzzen nicht fehlen, er kam vom Weingut Valle Reale aus Popoli.
Die Fest-Diners wurden genutzt, um über die Tradition und heutige Bedeutung der Kochschule in Villa Santa Maria, dem kleinen Städtchen am Sangro in den Bergen südlich des Maiella-Massivs, aufzuklären. Hier werden schon seit dem 16. Jahrhundert Köche ausgebildet, seit 1939 in der staatlichen Schule „Istituto Professionale di Stato per i Servizi Alberghieri e della Ristorazione“. An die 500 Schüler durchlaufen hier eine 5-jährige Ausbildung; da ist es kein Wunder, dass man die Absolventen dieser Schule in der ganzen Welt findet, bis hin zum Weißen Haus in Washington. Und jährlich einmal im Oktober, zum Namenstag des „Heiligen der Köche“, des heiligen Francesco Caracciola, organisiert die „Associazione Cuochi Valle del Sangro“ die „Rassegna dei Cuochi“, eine drei-tägige große Zusammenkunft der Köche mit dem adäquaten Fest-Buffet für 5000 Personen.
Auch bei dieser Aktion kam, wie schon bei einer ähnlichen Benefiz-Veranstaltung Geld zusammen für die Gemeinde Camarda, ein Dorf in der Nähe von L’Àquila, als Beitrag zur Finanzierung eines Dorfgemeinschaftshauses, eines „Centro polivalente“.
Sowohl Generalkonsul Ceprini als auch Oberbürgermeister Machens ließen es sich nicht nehmen, den Köchen einen kleinen Empfang zu geben. Ein Besuch des Rosenmuseums und des Magdalenengartens schlossen sich an, wobei schon über weitere gemeinsame Aktivitäten im kommenden Jahr diskutiert wurde. Der deutsche Restaurantbesitzer Wille vom Dorfkrug Bavenstedt bot den italienischen Köchen ein typisch deutsches Abendessen und auch der Besuch des Hildesheimer Weihnachtsmarktes war für die Gäste ein neuer, ungewohnter Eindruck.
Wieder ein ganz anderer Aspekt der italienischen Gegenwart wurde den Besuchern einer Autorenlesung in der Buchhandlung Decius vermittelt, die diese zusammen mit der Deutsch-Italienischen Gesellschaft organisiert hatte: Nach einem kurzen Überblick über die 150jährige Geschichte des italienischen Einheitsstaates und die Entstehung der Mafia las Petra Reski aus ihrem neuen Buch „Von Kamen nach Corleone“. Sie las nicht nur, sie sprach auch frei und sehr eindrücklich über ihr Thema: die Mafia in Deutschland. Die etwa hundert Zuhörer waren erstaunt bis entsetzt, zu hören, mit welch subtilen Mitteln die verschiedenen Mafia-Organisationen aus Italien die freiheitliche Rechtsordnung in Deutschland ausnutzen, um ihre Geschäfte zu machen. Mord und Totschlag sind dabei eher ungewollte Elemente, die nur die Polizei auf sich ziehen, aber alle Tricks zur Geldwäsche, vor allem von Geldern aus Drogengeschäften in großem Stil, werden erbarmungslos angewandt.
Und dazu wird eine verharmlosende oder verniedlichende Öffentlichkeitsarbeit geleistet, die oft zu Behauptungen führt wie „Mafia in Deutschland gibt es nicht“. Vehement argumentierte Petra Reski gegen solches Verschweigen oder Wegsehen, sie will, dass die Aktivitäten der Mafia als das gesehen und bekämpft werden, was sie sind, nämlich Verbrechen.
Für den ganzen dargestellten Reigen an Veranstaltungen hatte sich Enzo Iacovozzi vom Vorstand der Deutsch-Italienischen Gesellschaft eingesetzt, die Termine abgestimmt, die Gäste aus Italien betreut und begleitet, die Werbetrommel gerührt. Wieder einmal hat er sich damit um die Vertiefung der Deutsch-Italienischen Beziehungen verdient gemacht.
Hans Ullrich Kaether
